Ohne roten Faden

/ society, career

Ich kann mich nicht mehr weiter ablenken.

Zu viel Kram im Zimmer. Im Keller das Original, im Paket das Double. Doppelt gekauft. Zu viel Lärm im Kopf. Die ToDo Liste gepflegt, aber kein Ziel vor Augen. Hier noch ein Update einer eigentlich gut funktionierenden Sache. Da noch eine schnelle Google Suche. Dort eine unnötige Optimierung. Noch soziale Medien konsumiert, um unbemerkt die selbstzerstörende Sucht nach Negativvergleichen zu nähren.

Dann atemlos Nachrichtenseiten besucht, um mit flüchtigem Neuem das wichtige, aber leise und schüchterne Beständige weiter aus den Gedanken zu verbannen. Möge es keine Dominanz erhalten.

Der Himmel wird dunkler, aber der Regen kommt noch nicht.

Das Handgelenk vibriert als ein Gedanke am dunklen Horizont entstehen wollte. Verloren.

Ein SUV beschleunigt unnötig, nur um 10 Meter weiter wieder zu bremsen. Der Turbodiesel nagelt und faucht. Den nächsten Gedanken wieder verloren, eine weitere Faser meines Nervenkostüms fortgerissen.

Verknäulte man die Flusen meines Nervenkostümes, würde in ihnen ein heller Funke der Person, die ich war aufleuchten. Das innere des Flusenballen würde aufglimmen, eine leise Stimme würde etwas Undeutliches seufzen, ein aufbäumen der Gedanken und Emotionen, die nie sein dürften, da Ablenkung und Lärm und Gestank und IT und Ablenkung sie vernichtet haben. Weil ich das so wollte.

Ich kann mich aber nicht mehr weiter ablenken. Der Kern, der mich zum Getriebenen macht, der bisher jeden Sturm und jede Axt überlebte und gestärkt hervorging, lässt dies nicht zu.

Ich kann mich in den Schuldenschlund treiben, auf die betäubende Einbahnstraße der irrführenden Karriere einlassen um verzweifelt zu versuchen, diese quälende treibende Urkraft zu löschen, aber am Ende wird sie immer wieder ihren Zoll verlangen.

Je lauter ich mich mit Ablenkung, Konsum, Politik, Nerdism, Hedonismus, sozialen Kontakten betäube, desto gleich leise aber vehement verbleibt der stumme Schrei im Untergrund.

Meiner Natur kann ich nicht entkommen. Nur bin nun vor langer Zeit falsch abgebogen, habe die leise Stimme nicht gehört - oder hatte nicht hören wollen.

Mauern aus Konsum, Ablenkung und bewusster Selbsttäuschung baue ich um sie, immer höher, immer dicker. Doch leiser wird die Stimme nicht.

Ein umdrehen, ja sogar ein bloßes Innehalten, erfordert heute mehr Mut und Schmerz als ich damals nicht aufbringen konnte, als in jener angetrunkenen Nacht die Gedanken Freigang bekamen und zum ersten Mal die warnende Stimme ertönte. Nur im Suff verstummt der ewige Donner der Ablenkung, brechen die Mauern und erhält die Stimme Gehör. In der schuldigen Unmündigkeit erlangen die verdrängten Gedanken Freiheit ohne Erinnerung.

Gab es diesen einen Moment wirklich, diesen neuralgischen Punkt, als die Entscheidung zur falschen Richtung viel? Gibt es überhaupt so eine Monokausalität im Leben? Oder ist es ein schleichender Prozess, befeuert von fehlendem Mut und fehlender Richtung? Statt steten Tropfen der Ablenkung der eine große Fehler, die eine verpasste Chance, der eine Schicksalsschlag? Ist die Hoffnung auf solch einen Moment nicht auch nur der Versuch einer feigen Schuldzuweisung gegenüber der eigenen Vergangenheit, um die jetzige Misere zu begründen? Um sich der eigenen Chance zu verwehren, zu deren Ergreifen der Mut ja nun nachweislich fehlt. Deren Erkenntnis mit jeder vertanen Chance sinkt?

“Wer nicht weiß, wohin wer will, darf sich nicht wundern, wenn er wo anders ankommt.” - Mark Twain

Mit jeder Amazonbestellung, mit jeder eMail für den Job den ich gar nicht halten will, aber muss, mit jeder hedonistischen Ablenkung wird es schwerer. Denn eine Richtung findet sich so nicht. Man läuft nur so lange bis das Feuer erlischt, man hofft nur so lange bis die verklärten, nostalgischen Erinnerungen an was war und hätte sein können das hier und jetzt vernebeln und aus einem Streben ein quälender Gang wird. Dann geht man vielleicht nicht mehr weiter im Leben, sondern setzt sich, lässt das Leben einfach geschehen. Dann wird man, werde ich, zu einer Ressourcenverschwendung.

Mit fehlen Mut und Eifer etwas durchzuziehen, bis zum Ende zu sehen und zu begleiten, zu fokussieren.

Denn: Noch habe ich Zeit, noch habe ich einen Kern, eine Stimme, die mich immer wieder erinnert. Ich kann sie also weiter mutlos ignorieren. Zwingend ist noch gar nichts.

Jedoch, nichts ist mehr gut genug, weil nichts gut genug sein kann. Weil nichts gut genug sein darf. Denn wie kann etwas gut sein, wenn es auf einen vergifteten Nährboden wächst? Wenn ich das Fundament nicht akzeptiere, kann die Inneneinrichtung noch so schön und teuer sein, vertrauen und genießen kann ich ja doch nicht.

Aber bin ich vor langer Zeit falsch abgebogen? Zählt die Zeit, oder zählen die Momente der Erkenntnis, in denen vorgefärbte Vergleiche zwischen mir und den Fortschritten von Freunden und Kollegen zu Magenschlägen werden, in denen, wie in tiefster Depression, jede Farbe aus der Welt schwindet und alles Gute neblig grau wird, mein Anspruch an mich jedoch wie ein unerreichbarer Podest vor mir steht, während ich am Boden liegend müde und antriebslos leeren Wunschgedankenszenarien meine Restenergie schenke?

Momente, in denen ich von “Ich werde die Welt verändern” über die Diagnose eines Narzissmus durch meine Therapeutin zu der alles überwuchernde Erkenntnis gelange: Ich bin nichts Besonderes, habe mich seit Jahren mich nicht weiterentwickelt und weiß auch gar nicht, was ich eigentlich noch vom Leben will.

In diesen Momenten vollziehe ich eine verblüffende Kehrtwende: Vom blinden Trott auf einem irregeleiteten Weg, springe ich mit einem Satz auf den Schlachttisch des eigenen Unvermögens und serviere mich als Opferlamm. Ein Opfer meiner Selbst, an Selbstzweifeln verzweifelnd. Statt Verantwortung für meine Entscheidungen übernehmend, Heil und melancholische Nestwärme als Opfer meiner eigenen Richtungslosigkeit ersuchend. In einer Depression auch findend.

Ohne die Schuld bei anderen, ohne das Vertrauen auf eine höhere Kraft, ist diese bipolare Einstellung zum Leben und meiner Zukunft so produktiv wie beständiges Rennen gegen die Wand.

Aber könnte ich noch mal umdrehen, habe ich noch einen inneren Kompass? Oder bin ich schon “zu weit”?

Ist das so eine Phase im Leben, wo Menschen Religion entdecken, weil sie an das Ende ihrer Ratio gelangen? Das ist dann feige. Denn auch dort liegt nicht die Antwort: Fremdbestimmt, im Schoß einer institutionalisierten Deutungshoheit über Leben, Moral und Gedanken. Ist das die Phase, wo der Atheist sich alternative Wegweiser sucht? In Form von Drogen, anderer Philosophen, in dem er Kinder in die Welt setzt? Wie ebenfalls überaus feige.

Die Antwort muss aus dem Inneren kommen. Keine Antwort von außen kann durchdringen was selbst eingemauert wurde. Das lernt jeder in einer Therapie.

Dieser Text hat keinen roten Faden. Denn dieser fehlt mir gerade.

Ich weiß nur: Ich höre die Alarmglocken schon lange, befürchte, bald werde ich ihnen gegenüber so taub wie Völker in Zeiten der Hypernormalisierung stumpf gegenüber dem Wahnsinn werden, nur noch der Lüge vertrauen, denn die Wahrheit existiert in ihrer Welt nicht mehr.

Ich weiß nicht mal, wo ich anhalten kann. Der Job läuft und muss erhalten bleiben, ohne soziale Kontakte drängt die Einsamkeit durch die Fugen in jedes Zimmer, ohne neues Gerät verliere ich den Anschluss, ohne soziale Medien verpasse ich etwas.

Es fühlt sich an, als ob ich auf einer Einbahnstraße fahre, noch langsam und bedächtig, jedoch bedrängt von einem lauten SUV, dessen Fahrerin sich wohler fühlen würde, wenn ich mich, wie sie, einfach der Situation ergeben und, wie sie, statt zu denken, einfach das Tempo erhöhen würde. Mehr Tempo um noch schneller dem eigenen Zentrum, dem eigenen Kompass, der eigenen Natur zu entkommen und in der Gruppe der vielen, die sich schon selbst besiegt haben, eine soziale Gemeinschaft zu finden, die nichts mit Nachhaltigkeit schafft, sondern im Hedonismus ersaufend nur ihre Lebensminuten möglichst Ressourcenintensiv verspielen.

Ich weiß nur: Heute habe ich der leisen Stimme eine Stimme gegeben. Eine Erkenntnis ist nicht über die Tasten gefallen, dass wäre auch zu einfach. Man kann auch nicht einfach einmal die Woche nach dem Yoga Namaste sagen und so seine Mitte finden, man kann auch nicht einfach einmal einem Flüchtling einen Nachmittag schenken und so der Integration helfen, man kann auch nicht einfach seinen SUV unterhalb der Höchstgeschwindigkeit fahren und wird so ein guter Mensch. So kann ich nicht einfach einen Text eines Abends schreiben und Jahre der Untätigkeit, ja vielleicht eine falsche Grundeinstellung, mit einer plötzlichen Erkenntnis beenden.

Die Frage ist: Wie geht es nun weiter. Was mache ich aus diesem Funken in dem Flusenballen aus meines Nerven- und Seelenkostüm? Jeden Tag werden weitere Fasern aus meinem Sein gerissen, fliegen davon, verfangen sich im Wind mit unzähligen anderen Fasern der Mitmenschen, treiben durch die Lüfte und sind dann weg.

Was mache ich nun damit.

Wie finde ich heraus, wo ich hinwill.

Wie mache ich mit mir meinen Frieden, bevor mir nichts anderes mehr bleibt.

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